Warum Counter-Profi Horn dem Reisebüro den Rücken kehrt
Nach 28 Jahren im Reisebüro zieht Anja Horn (Foto) einen Schlussstrich. Die Touristikerin nennt wirtschaftliche, gesundheitliche und strukturelle Gründe für ihren Ausstieg. Sie sieht den Vertrieb im Wandel und kritisiert vor allem fehlende Wertschätzung, auch monetär, für Beratung. Heute arbeitet sie im regionalen Tourismus – mit mehr Planungssicherheit und neuer Perspektive.
Privat
Anja Horn ist fertig mit dem Reiseverkauf am Counter
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Anja Horn wird den Reisevertrieb beziehungsweise den Counter Mitte 2026 hinter sich lassen. Die 48-Jährige blickt auf 28 Jahre im Reisebüro zurück – von der klassischen Ausbildung über leitende Funktionen bis hin zum eigenen Reisebüro und als Mobile. Zuletzt arbeitete sie als Ein-Frau-Unternehmen und betreute ihre Kunden nach eigenen Angaben rund um die Uhr. Seit Herbst 2024 ist Horn parallel in der Touristinformation Ellwangen tätig und wird ihr Reisebüro schrittweise aufgeben, wie sie im Gespräch mit Counter vor9 erzählt.
Wirtschaftlicher Druck und Dauerbelastung
Den Ausschlag für den Ausstieg, der Ende Juli final vollzogen wird, hätten mehrere Faktoren gegeben. "Der Aufwand stand irgendwann in keinem Verhältnis mehr zum Ertrag – wirtschaftlich, emotional und gesundheitlich", sagt Horn. Die permanente Erreichbarkeit habe sich langfristig negativ ausgewirkt.
Hinzu komme ein strukturelles Problem im Vertrieb, so ihre Meinung. Die Nachfrage nach Reisen sei zwar hoch, die Bereitschaft, für Beratung zu zahlen, halte jedoch nicht Schritt. "Beratung war immer inklusive. Und was nichts kostet, wird irgendwann auch nicht mehr als eigenständige Leistung wahrgenommen", sagt die Reiseverkäuferin über mangelnde Wertschätzung.
Wandel im Buchungsverhalten
Horn sieht den Reisevertrieb zudem im Rückstand gegenüber veränderten Kundenbedürfnissen. Jüngere Kunden nutzten Apps, KI und Influencer, während andere bereits mit fertigen Recherchen ins Reisebüro kämen. Trotz eigener Initiativen im Bereich Social Media und Marketing habe sich gezeigt, dass sich die Rahmenbedingungen schwer verändern lassen.
Der steigende Preisdruck und Cashback-Angebote verstärkten die Entwicklung, sagt Horn im Rückblick. Der Preis sei für Kunden sichtbar, der Wert der Beratung dagegen eher nicht.
Mehr Verantwortung, aber anders
Ein Wechsel in ein Angestelltenverhältnis im Vertrieb kam für Horn nicht mehr infrage. "Ich bin vertriebsfertig – nicht branchenfertig", sagt sie über den neuen Job im Tourismus. Im öffentlichen Dienst habe sie weiterhin Verantwortung, aber unter ganz anderen Bedingungen. Planbare Arbeitszeiten und ein festes Gehalt seien für sie entscheidend gewesen.
Neustart im regionalen Tourismus
Heute arbeitet Horn im Destinationsmanagement von Ellwangen im Osten Baden-Württembergs und sieht darin neue Perspektiven. Die Aufgaben reichen von Gästeberatung über Marketing bis hin zu Veranstaltungen. Besonders reizvoll sei für sie die Arbeit im Team – nach Jahren als Einzelkämpferin. Das Wir-Gefühl sei "unbezahlbar", im wahrsten Sinne des Wortes.
Tourismus bleibe ihre Branche, betont sie. Statt Fernreisen zu verkaufen, entwickelt sie nun Angebote in ihrer Region weiter. "Ich arbeite wieder richtig gern", sagt Horn – ein Satz, der ihren Neustart beschreibt. Zudem habe sie jetzt Zeit für Kochen, Sport, Gartenarbeit – Dinge, die lange zu kurz kamen. "Ich reise weiterhin viel, aber mit einem anderen Blick", sagt Horn kurz vor Abflug in den Osterurlaub nach Sambia.
Sabine Schreiber-Berger
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