Schräge Tourismuseffekte bei der US-Fußball-WM
Die Fußball-WM sollte den USA volle Hotels bringen, doch der Effekt bleibt laut America-Unlimited-Chef Timo Kohlenberg aus. Er verweist auf zurückgegebene Kontingente, gesunkene Raten und USA-Buchungen, die während der WM rund 25 Prozent unter Vorjahr liegen. Die Wohnmobilplattform Camper Days beobachtet unterdessen günstige Camperpreise als Nachfrageimpuls.
iStock/DoggieMonkey
Die Hotelpreise zur Fußball-Weltmeisterschaft erleben nach Einschätzung von America Unlimited eine Achterbahnfahrt
America Unlimited wertet die Fußball-WM in den USA als "touristisches Eigentor". Viele Gastgeber hätten mit stark steigender Nachfrage gerechnet und die Preise in den Austragungsorten teils um mehr als 200 Prozent angehoben, sagt Timo Kohlenberg, Chef des Nordamerika-Spezialisten. Diese Rechnung gehe vielerorts nicht auf.
"Die USA haben sich mit der WM verzockt", sagt Kohlenberg. Zahlreiche Hotels hätten ihre zuvor stark erhöhten Preise wieder gesenkt. Nach Beobachtung von America Unlimited fielen die Raten teilweise um bis zu 50 Prozent. Zudem seien größere Zimmerkontingente wieder in den freien Markt zurückgekommen, weil die erwartete Nachfrage ausgeblieben sei.
Klassische Urlauber weichen aus
Der Veranstalter sieht darin einen bekannten Effekt großer Sportereignisse. Mega-Events wie Olympische Spiele oder Fußball-Weltmeisterschaften könnten zusätzliche Gäste anziehen, verdrängten aber oft klassische Urlauber. Viele Reisende mieden Regionen, in denen sie volle Hotels und hohe Preise erwarteten.
Bei America Unlimited liegen die USA-Buchungen während der WM nach Angaben Kohlenbergs derzeit rund 25 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Das Turnier habe vielerorts nicht für einen Nachfrageboom gesorgt, sondern für Verunsicherung. Reisende mit flexiblen Plänen wichen auf andere Zeiträume aus.
"Vertane Chance"
Kohlenberg sieht auch einen Imageschaden für die USA. Die Weltmeisterschaft hätte das Land als offenes und modernes Reiseland zeigen können. Stattdessen dominierten Diskussionen über hohe Kosten und enttäuschte Erwartungen. "Das ist eine vertane Chance und schadet dem touristischen Image des Landes", sagt er.
Der Veranstalterchef verweist zudem auf eine Analyse der American Hotel and Lodging Association. Nach Angaben des US-Hotelverbands liegen die Buchungen in den meisten Austragungsorten unter den ursprünglichen Erwartungen. In mehreren WM-Städten seien bis zu 70 Prozent der zunächst für die Fifa reservierten Zimmerkontingente wieder freigegeben worden. Betroffen seien unter anderem Boston, Dallas, Los Angeles, Philadelphia und Seattle.
Camperpreise stützen die Nachfrage
Eine andere Randnotiz liefert Camper Days. Die Plattform zur Vermittlung von Campern meldet, dass sich USA-Buchungen von Januar bis April zunächst stabil entwickelt hätten. Vor dem Ausbruch des Iran-Krieges Ende Februar lagen sie laut Geschäftsführer Maximilian Schmidt um fünf Prozent über dem Vorjahr. Danach sank die Nachfrage deutlich. Im März und April lagen die Buchungen 29 Prozent unter dem Niveau von 2025.
Im Mai habe die Nachfrage allerdings wieder angezogen. Camper Days führt dies nicht auf das Last-Minute-Geschäft zurück. Die durchschnittliche Vorlaufzeit bei USA-Camperreisen habe im Mai bei rund 15 Wochen gelegen und damit auf dem Niveau anderer Fernreiseziele, berichtet Schmidt. Als Treiber nennt er vor allem niedrigere Preise. Die Tagesmietpreise für Camper in den USA liegen demnach derzeit um 31 Prozent unter denen des Vorjahres. Hinzu kämen Sonderaktionen vieler Vermieter, etwa kostenlose Meilenpakete, die Reisenden mehrere hundert Euro sparen können.
Die weitere Entwicklung bleibt laut Schmidt stark vom Nachrichtenumfeld abhängig. Bei Krisen lasse die öffentliche Aufmerksamkeit oft nach vier bis acht Wochen nach. Neue Debatten rund um die USA und die Fußball-WM könnten jedoch wieder Zurückhaltung bei den Buchungen auslösen.
Christian Schmicke
Kommentieren und folgen Sie Reise vor9 auf Linkedin