16. Februar 2026 | 12:24 Uhr
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Wie sich Krisenereignisse zuverlässig einschätzen lassen

Klima- und geopolitische Krisen sowie restriktivere Einreiseregeln verunsichern die Branche. Im Reise vor9 Podcast sprechen Mirko Jacubowski und Marcel Conrad vom Krisendienstleister A3M über volatile Sicherheitslagen, Extremwetter und Konflikte in Ländern. Sie erläutern, wie sich verlässliche Quellen von Clickbait und Desinformation unterscheiden lassen – und wo Krisenkommunikation häufig scheitert.

Krise

Die Sicherheitslage ist nach Einschätzung von A3M volatil. Jacubowski verweist auf geopolitische Spannungen etwa im Umfeld Irans, auf eine unberechenbare US-Politik unter dem Leitmotiv "America First" sowie auf restriktivere Einreiseregeln, unter anderem für LGBTQ-Personen oder bei der Offenlegung von Social-Media-Daten.

Zugleich habe sich das Risikoprofil verschoben. Während der islamistische Terror vor zehn Jahren europäische Metropolen prägte, seien heute Extremwetterereignisse das drängendere Thema. Waldbrände, Hitze- und Kältewellen oder Überschwemmungen träfen die Branche immer häufiger. Hinzu kämen Konflikte in touristisch relevanten Ländern wie Tansania, Nepal, Thailand oder Kambodscha, auch wenn die touristische Infrastruktur bislang meist verschont bleibe.

Schwierige Recherche in Krisengebieten

Bei der Suche nach zuverlässigen Informationsquellen ergibt sich ein gemischtes Bild. Conrad, bei A3M für das redaktionelle Qualitätsmanagement verantwortlich, unterscheidet zwischen Naturereignissen und klassischen Sicherheitsvorfällen. Bei Waldbränden oder Dürren lieferten Wetterdienste und Behörden belastbare Vorabinformationen. Schwieriger werde es bei politischen Krisen oder gewaltsamen Ereignissen, insbesondere in Ländern mit Zensur.

Als Beispiel nennt er den Iran. Dort seien Internetzugänge eingeschränkt, verlässliche Berichte oft nur zeitverzögert verfügbar. A3M setze deshalb auf klassisches Medienmonitoring mit rund 1.000 Quellen, ergänze dies durch Social-Media-Analysen und KI-gestützte Systeme mit Millionenquellen. Ungeprüfte Informationen würden jedoch klar als solche gekennzeichnet.

Jacubowski betont, dass trotz technischer Unterstützung immer Analysten und Redakteure die letzte Prüfung übernehmen. "Bei uns gucken immer noch Menschen rüber." Automatisierte Halluzinationen wolle man so ausschließen.

Clickbait und Boulevardisierung

Beide beobachten eine Zuspitzung von Überschriften. Ereignisse würden dramatischer formuliert, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Jacubowski spricht von einer "Boulevardisierung der klassischen Medien". A3M versuche, Meldungen "runter zu kochen" und neutral zu formulieren. Entscheidend sei ein sachlicher Blick auf die Lage, nicht Wertung.

Beim Spannungsfeld zwischen Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit gelte: geprüfte Quellen haben Vorrang. Informationen würden stets mit Quellenangabe veröffentlicht. Sollten sich Berichte später als fehlerhaft erweisen, würden Korrekturen transparent nachgereicht.

Erwartungen an Krisendienstleister steigen

Reiseveranstalter erwarteten heute schnelle, verlässliche Informationen per SMS oder E-Mail. Viele könnten ein weltweites Monitoring nicht selbst aufbauen. Besonders kleinere Anbieter hätten oft keine ausgereiften Krisenprozesse. Seit dem Tsunami vor 20 Jahren habe sich die Branche professionalisiert, auch Corona habe Prozesse geschärft. Dennoch gebe es weiterhin Defizite, etwa, wenn das Krisenmanagement stark am Geschäftsführer hänge.

In der Kommunikation sieht Jacubowski typische Fehler: zu früh oder zu spät kommunizieren, spekulieren, Schuldige suchen oder widersprüchliche Botschaften über verschiedene Kanäle senden. "Nicht zu kommunizieren ist auch eine Kommunikation", sagt er. Wichtig seien Empathie, Faktenorientierung und ein klarer "Single Point of Control", also eine Schnittstelle, an der die Kommunikation zusammenlaufe.

Blick bis 2030

Für die kommenden Jahre nennt Jacubowski mehrere Trends: Instabilität in der Sahelzone mit möglichen Migrationsbewegungen Richtung Mittelmeer und Kanaren, zunehmende Klimarisiken sowie geopolitische Spannungen etwa rund um Taiwan mit möglichen Spillover-Effekten in Südostasien. Auch die wirtschaftliche und politische Lage in Kuba könne touristische Auswirkungen haben, was ja bereits der Fall ist.

Christian Schmicke

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