Lufthansa stellt Cityline ein – Konflikt eskaliert weiter
Überraschend hat Lufthansa die sofortiger Stilllegung ihrer Airline Cityline bekannt gegeben. 27 Regionaljets bleiben am Boden. Aus dem Vertrieb kommen dazu sehr unterschiedliche Reaktionen: Während der VUSR vor einseitigen Schuldzuweisungen warnt, ruft ein Reisebüroinhaber zu einem "Lufthansa-Boykott-Tag" auf.
Lufthansa Group
Lufthansa stellt den Betrieb der Cityline umgehend ein
Bei Lufthansa verschärfen sich die Turbulenzen. Der Konzern zieht unter dem Eindruck anhaltender Streiks, steigender Treibstoffkosten und geopolitischer Unsicherheit Sparmaßnahmen vor und kappt Kapazitäten. Besonders hart trifft es die Regionaltochter Cityline, deren Flugbetrieb vorläufig stillgelegt wird.
Lufthansa begründet den Schritt mit den fortgesetzten Streiks bei Cityline, massiv gestiegenen Kerosinpreisen und einer ohnehin schwierigen wirtschaftlichen Lage. Die Wetlease-Verträge mit Cityline werden mit sofortiger Wirkung beendet. Die Folge: Alle betroffenen Mitarbeiter in Cockpit und Kabine werden mit wenigen Ausnahmen widerruflich "freigestellt".
Cityline wird schneller vom Markt genommen
Bereits ab Samstag sollen die 27 operativen Cityline-Flugzeuge, überwiegend Canadair CRJ, endgültig aus dem Programm genommen werden. Laut Lufthansa stehen die Jets kurz vor dem Ende ihrer technischen Einsatzfähigkeit und verursachen vergleichsweise hohe Betriebskosten. Damit sollen weitere Verluste der defizitären Tochter begrenzt werden.
Die Herausnahme von Cityline war im Konzern bereits länger angelegt. Die Aufgaben im Zubringersystem sollen an die neue Tochter City Airlines übergehen. Für Beschäftigte verweist Lufthansa auf bestehende Wechselangebote, die von den Gewerkschaften Vereinigung Cockpit und Ufo bislang als unzureichend bewertet worden seien. Nun sollen Gespräche über Interessenausgleich und Sozialplan folgen.
Weitere Flottenkürzungen und neue Sparvorgaben
Die Cityline-Stilllegung ist nur der erste Teil eines größeren Pakets. Ende Oktober sollen bei der Kernmarke Lufthansa sechs Langstreckenjets aus der Flotte genommen werden, darunter die letzten vier Airbus A340-600 sowie zwei Boeing 747-400, die über den Winter stillgelegt werden. Hinzu kommen fünf Mittelstreckenflugzeuge der Kernmarke, die im Winterflugplan 2026/27 aus dem Betrieb gehen sollen.
Parallel zieht Lufthansa neun weitere Airbus A350-900 in die günstigere Betriebsstruktur von Discover Airlines um. Das Maßnahmenpaket soll nach Konzernangaben einen "überproportionalen Einspareffekt" beim Treibstoff bringen. Zwar ist der Kerosinverbrauch der Passagier-Airlines der Gruppe auf Basis des Rohölpreises zu rund 80 Prozent abgesichert. Der verbleibende, nun besonders teure Anteil soll durch die Flottenmaßnahmen um rund zehn Prozent sinken.
Gewerkschaften und Vertrieb reagieren scharf
Aus Gewerkschaftssicht verschärft Lufthansa mit der Cityline-Entscheidung den Konflikt weiter. Der Tarifexperte der Flugbegleitergewerkschaft Ufo, Harry Jäger, sprach von "offenem Krieg gegen die eigenen Leute". Die aktuellen Streiks hätten sich gegen Cityline gerichtet, nun ziehe der Konzern Flugaufträge und Betrieb abrupt ab.
Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit zeigt sich ebenfalls alarmiert. Der Lufthansa-Konzern habe "den Weg der Rationalität verlassen", sagt VC-Präsident Andreas Pinheiro. Vieles deute darauf hin, dass es sich um "eine Maßnahme im Zusammenhang mit den aktuellen tarifpolitischen Konflikten innerhalb des Konzerns mit VC und Ufo handele.
Unterschiedliche Reaktionen im Vertrieb
Auch im Vertrieb gehen die Einschätzungen auseinander. Der Reisebüroverband VUSR kritisiert eine "einseitige Darstellung" der Streikdebatte und wendet sich gegen Forderungen nach einer Einschränkung des Streikrechts, wie sie etwa der Luftfahrtverband BDL geäußert hatte. Die Vorsitzende Marija Linnhoff warnte im Gespräch mit Reise vor9 davor, reflexartig an grundlegenden Rechten zu rütteln. Die Ursachen der Konflikte lägen tiefer und müssten benannt und gelöst werden – auch wenn Linnhoff selbst die Auswirkungen der Streiks nach eigener Aussage "nerven".
Der Verband verweist auf strukturelle Spannungen bei Lufthansa, unterschiedliche Vertragsbedingungen und wachsende Unzufriedenheit in Cockpit und Kabine. Zudem greife es zu kurz, die Verantwortung ausschließlich bei den Gewerkschaften zu suchen. Eine Lösung könne nur am Verhandlungstisch entstehen.
Boykottaufruf aus dem Reisevertrieb
Anders sieht die Sache offenbar der Reisebüroinhaber und Youtuber Marc Plaetrich. In einem Aufruf zu einem "Lufthansa Boykott Tag" am Freitag, 17. April, fordert er via Facebook Reisebüros in Deutschland auf, für einen Tag keine Lufthansa-Neubuchungen vorzunehmen. Die anhaltenden Streiks brächten das Fass zum Überlaufen, heißt es. Reisebüros leisteten Rund-um-die-Uhr-Support, buchten in Endlosschleifen um und blieben auf massiver Mehrarbeit sitzen, die niemand entlohne.
Christian Schmicke
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