Energiekrise trifft den Tourismus, Debatte um Reiseverzicht
Massiv gestiegene Energiepreise und drohende Treibstoffknappheit wirken sich auf den Tourismus aus, auch in Deutschland. Laut einer Umfrage haben bereits 14 Prozent der Bundesbürger ihre Reiseplanung über Ostern angepasst. Derweil ruft EU-Energiekommissar Dan Jørgensen offen zum Sparen bei Auto- und Flugreisen auf. Die Branche ist alarmiert.
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Der EU-Kommissar fordert weniger Auto und Flugreisen und versetzt die Tourismusbranche in Alarmstimmung
"Je mehr man tun kann, um Öl zu sparen, vor allem Diesel, vor allem Flugzeugtreibstoff, desto besser geht es uns", sagte Jørgensen gegenüber Politico. Der Kommissar aus Brüssel will die Europäer dazu bewegen, weniger zu reisen. Hintergrund ist die massive Abhängigkeit Europas vom Persischen Golf: Mehr als 40 Prozent der EU-Importe von Kerosin und Diesel stammten laut dem Kommissar aus dieser Region.
Viele Deutsche haben bereits ihre Osterreisepläne geändert
Dass die Krise längst bei den Verbrauchern angekommen ist, zeigt eine repräsentative Umfrage des Online-Brokers XTB, durchgeführt vom Marktforschungsinstitut TGM unter mehr als 1.000 Befragten. Demnach hat der Iran-Krieg für ein Viertel der Deutschen Auswirkungen auf die Urlaubsplanung an Ostern. Zehn Prozent haben Reiseziel oder Route bereits geändert, weitere zehn Prozent erwägten dies, vier Prozent haben komplett abgesagt.
Die gestiegenen Transportkosten sind der Haupttreiber für die Zurückhaltung: 20 Prozent überlegen, günstiger zu verreisen, 15 Prozent denken an einen vollständigen Verzicht. Nur 20 Prozent halten unabhängig von den Preisen an ihren Plänen fest. Bei Fernreisenden ist die Verunsicherung noch größer: knapp die Hälfte derjenigen mit geplantem Langstreckenflug würde laut der Umfrage bei einer Zuspitzung auf ein Ziel in Deutschland oder Europa ausweichen.
Eine einfache Rechnung verdeutlicht das Ausmaß des Problems: Wer mit dem Auto 1.000 Kilometer fährt und acht Liter Diesel pro 100 Kilometer verbraucht, zahlt beim aktuellen Preisniveau von 2,30 Euro pro Liter 184 Euro statt zuvor 120 Euro bei 1,50 Euro pro Liter. Für die Hin- und Rückfahrt über 2.000 Kilometer summieren sich allein die Mehrkosten auf 128 Euro. Ein Betrag, der für viele Familien über Reise oder Absage entscheiden kann.
Branchenvertreter warnen vor Schaden an der Wertschöpfung
In der Tourismusbranche stößt Jørgensens Forderung indes auf deutliche Kritik. Marcel Klinge, Vorstandssprecher der Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG), hält pauschale Verzichtsappelle für kontraproduktiv. "Tourismus und Mobilität sind keine verzichtbaren Luxusgüter, sondern zentrale Bestandteile von Wertschöpfung und gesellschaftlicher Stabilität", sagte Klinge gegenüber Reise vor9. Allein in Deutschland hingen rund sechs Millionen Arbeitsplätze direkt oder indirekt am Tourismus.
Statt pauschalem Verzicht brauche es gezielte Anreize bei Energieeffizienz, Elektrifizierung und Modernisierung. Damit ließen sich strukturell größere Effekte erzielen. "Ein genereller Rückzug vom Reisen würde vor allem Wertschöpfung vernichten, ohne den Energieverbrauch in gleichem Maße zu senken", argumentiert Klinge.
Pascal Brückmann