Sommerflaute am Counter, vor allem Familien bleiben aus
Die Sommersaison 2026 läuft für viele Reisebüros deutlich schlechter als erwartet. Das ist das zentrale Ergebnis einer aktuellen Counter-vor9-Umfrage, an der mehr als 500 Reisebüromitarbeiter teilgenommen haben. Besonders alarmierend: Ausgerechnet Familien, lange eine verlässliche Kundengruppe des organisierten Reisevertriebs, scheinen zunehmend verloren zu gehen.
iStock Yaroslav Astakhov
Keine Freundsprünge verspricht die laufende Saison am Counter: besonders die Familienbuchungen werden schmerzlich vermisst
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Die Zahlen der aktuellen Counter-vor9-Umfrage sind ernüchternd. 69 Prozent der Befragten berichten, dass sich das Sommergeschäft 2026 schlechter entwickelt als erwartet. Nur knapp sechs Prozent sprechen von einer besseren Entwicklung, während rund 25 Prozent ihre Erwartungen erfüllt sehen. Was zunächst wie eine normale Marktdelle und eine unvermeidbare Folge des Iran-Kriegs wirken könnte, entpuppt sich beim Blick in die Kommentare der Reiseverkäufer als möglicherweise deutlich tiefgreifenderes Problem.
Viele Familien scheinen sich als klassische Reisebürokunden verabschiedet zu haben
Denn immer wieder taucht in den Antworten ein Thema auf: Familien. "Familienbuchungen fehlen fast komplett", bringt es ein Reisebüro auf den Punkt. Andere Teilnehmer schildern ähnliche Beobachtungen. "Uns sind inzwischen so viele Familien-Stammkunden abhandengekommen", schreibt ein Expedient. Was hier durchscheint, ist vielleicht mehr als eine vorübergehende Kaufzurückhaltung. Viele Familien scheinen sich als klassische Reisebürokunden verabschiedet zu haben.
Die Ursache sehen die Reisebüros vor allem in der Preisentwicklung. "Durch die Preissteigerungen im Flugbereich sind keine Schnäppchen zu erwarten. Die Nachfrage, besonders bei Familien, ist spürbar eingebrochen", berichtet ein Teilnehmer. Ein anderer wird noch deutlicher: "Wenn ich in den Sommerferien schon mit Frühbucher 14 Tage Malle in einem normalen Hotel für eine Familie mit zwei Kindern für 9.000 Euro angeboten bekomme, dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn die Zimmer leer bleiben."
Nur 14 Prozent der Befragten erwarten ein Comeback des Last-Minute-Geschäfts
Die Bedeutung dieser Entwicklung zeigt sich auch bei der Frage nach den Umsatzchancen. Lediglich 30 Prozent der Befragten sehen aktuell das größte Potenzial im Verkauf kurzfristiger und preisreduzierter Sommerreisen. 28 Prozent setzen eher auf langfristige und hochpreisige Buchungen, während 42 Prozent beide Bereiche als gleich wichtig einstufen.
Besonders bemerkenswert ist die Einschätzung vieler Counter-Mitarbeiter, dass die Hoffnung auf Last Minute daran wenig ändern wird. "Familien, die wegen der hohen Preise ihren Sommerurlaub schon Anfang des Jahres umgeplant haben, kommen damit nicht zurück. Hier liegt das Hauptproblem, das mit Last Minute nicht gelöst wird", lautet ein Kommentar.
Entsprechend verhalten fällt auch der Blick auf das verbleibende Sommergeschäft aus. Nur eine kleine Minderheit erwartet ein echtes Last-Minute-Comeback. Nur rund 14 Prozent der Befragten rechnen mit einem Comeback des Last-Minute-Geschäfts. Rund 45 Prozent erwarten dies ausdrücklich nicht, weitere 42 Prozent sind unentschlossen.
"Last Minute ist vorhanden, jedoch sind die Preise mit den Kundenwünschen und den Budgets der Kunden nicht vereinbar", beschreibt ein Reiseverkäufer die Situation. Viele Verbraucher verbinden Last Minute noch immer mit Schnäppchen. Die Realität am Markt sieht jedoch häufig anders aus.
Zusätzlicher Druck durch Rabattaktionen der reinen Online-Player
Für zusätzlichen Druck sorgt nach Ansicht einiger Büros die Konkurrenz der Online-Plattformen. "Die Internetkonzerne mit ihren Cashback-Angeboten machen uns sehr zu schaffen. Habe dieses Jahr schon viele Kunden ans Internet verloren", berichtet ein Teilnehmer. Ein anderer ergänzt: "Rabatte von nur 60 Euro bei Check24 und die Kunden buchen online." Die Aussagen zeigen, wie groß die Herausforderung für stationäre Reisebüros geworden ist. Selbst vergleichsweise kleine Preisvorteile reichen offenbar aus, um Kunden trotz persönlicher Beratung zum Online-Abschluss zu bewegen.
Während manche Reisebüros mit zusätzlichen Marketingmaßnahmen gegensteuern, setzen andere bewusst auf klassische Kanäle. "Printwerbung – darauf setzen wir aktuell. Wir sehen, dass Kunden bei Online-Werbung bereits reizüberflutet sind", heißt es aus dem Vertrieb. Insgesamt haben 35 Prozent der Befragten bereits zusätzliche Verkaufs- oder Marketingaktivitäten gestartet. Weitere 18 Prozent planen entsprechende Maßnahmen.
Auch gegenüber den Veranstaltern ist eine gewisse Ernüchterung spürbar. Rabattaktionen und Aktionscodes, wie derzeit von TUI und Dertour in den Markt getragen, werden nicht von allen als Lösung angesehen. Nur 17 Prozent der Befragten fühlen sich von den Veranstaltern ausreichend unterstützt. Fast jeder dritte Teilnehmer verneint dies, während knapp die Hälfte die Unterstützung lediglich als teilweise ausreichend bewertet.
"Die ständigen Aktionscodes lösen die aktuellen Herausforderungen nicht, sondern treiben die Rabatt- und Cashback-Spirale immer weiter an", kritisiert ein Reisebüro. Stattdessen wünschen sich viele eine langfristigere Unterstützung und verlässlichere Vertriebsstrategien.
Pascal Brückmann