21. April 2026 | 07:00 Uhr
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Wie sich der Reisejournalismus verändert hat

Vom Bezahlen des Flugtickets an Bord bis zur KI-gestützten Reiseplanung: Der Reisejournalismus hat sich grundlegend verändert, sagt Jürgen Zupancic (Foto). Im Reise vor9 Podcast beschreibt der Gründer von Clever Reisen den Weg vom Preisfinder zum Verbrauchermagazin, verteidigt Print als Premiumprodukt und warnt davor, Glaubwürdigkeit im Zeitalter von Preisportalen, Influencern und KI zu verspielen.

Zupancic Jürgen

Jürgen Zupancic sieht den Reisejournalismus in einem tiefgreifenden Wandel

Für Zupancic beginnt seine Geschichte als Reisejournalist mit einem Flugticket für 99 Dollar. Als er Mitte der 1980er Jahre mit seinem Magazin "Fliegen und Sparen", aus dem Clever Reisen wurde, startete, wurde auf einem USA-Flug noch an Bord kassiert. Heute werde im Internet gebucht, Preise änderten sich im Stundentakt, und Orientierung sei wichtiger denn je.

Im Reise vor9 Podcast beschreibt Zupancic die Gründungsphase seines Magazins als Mischung aus Zufall, Pioniergeist und Marktlücke. Zusammen mit seinem Schulfreund Wolfgang Grahl begann er mit geliehener Schreibmaschine, Flugpreislisten und einer ersten Ausgabe mit 72 Seiten. Dass das Konzept funktionierte, zeigte sich früh. Nach einem kurzen Hinweis im Stern habe die Redaktion statt weniger Zuschriften gleich "zwei Wäschekörbe" voller Bestellungen erhalten.

Vom Flugpreisheft zum Verbrauchermagazin

Am Anfang sei es vor allem um günstige Tickets gegangen. Damals seien Flugpreise über längere Zeit stabil gewesen, man habe sie noch bei Großhändlern mit dem Bleistift mitgeschrieben. Heute sei die Preislogik eine andere. Tickets würden über Yield Management ständig neu kalkuliert, Preisvergleiche arbeiteten oft mit Lockangeboten ohne Gepäck und Zusatzleistungen.

Zupancic sagt, daraus habe sich auch der Anspruch des Magazins verändert. Nur Preise reichten auf Dauer nicht aus. Deshalb habe Clever Reisen früh Reiseberichte, Spartipps und Einordnung hinzugefügt. Der Kern sei aber geblieben: geschrieben werde aus Verbrauchersicht und nicht aus der Sicht von Anbietern oder Werbekunden.

Darin sieht Zupancic einen wesentlichen Teil des Erfolgs. Das Magazin habe von Beginn an auf Glaubwürdigkeit gesetzt. Man sei "immer auf der Verbraucherseite" gewesen. Das unterscheide guten Reisejournalismus auch von vielen neueren Formaten.

Print als Arbeitsmittel statt Wohnzimmertitel

Den Niedergang von Print hält Zupancic nicht für zwangsläufig. Print sei heute kein Auslaufmodell, sondern ein Premiumprodukt, sagt er. Voraussetzung seien gute Inhalte. Clever Reisen verstehe sich nicht als Magazin für den Wohnzimmertisch, sondern als Heft für Arbeitszimmer oder Küchentisch, also dort, wo Reisen konkret geplant und gebucht werden.

Dazu passt auch das Selbstbild des Magazins. Hochglanz sei nie das Ziel gewesen. Stattdessen setzt die Redaktion nach seinen Worten auf Umweltpapier, knappe Nutzwertstrecken und Reporter, die Ziele über Jahre beobachten. Er spricht von "13 Edelfedern", also Autoren, die Destinationen, Preisentwicklungen und Serviceveränderungen seit Jahrzehnten verfolgten.

Gerade darin sieht Zupancic einen Vorteil klassischer Reisejournalisten. Wer ein Ziel seit 20 oder 30 Jahren kenne, könne Entwicklungen besser einordnen als jemand, der erst seit kurzer Zeit per Blog oder über Social Media darüber berichte.

Nähe zur Branche bleibt ein sensibles Thema

Auf den Vorwurf, Reisejournalismus sei der Branche oft zu nah, reagiert Zupancic mit klaren Regeln. Einladungen seien in vielen Branchen üblich. Entscheidend sei, unter welchen Bedingungen berichtet werde. Bei Clever Reisen gelte: mitreisen ja, aber schreiben, wie die Redaktion es für richtig hält.

Anzeigen würden eindeutig gekennzeichnet, und auch bei Einladungen werde offengelegt, wer die Reise ermöglicht habe. Einfluss auf Text und Bild lehnt Zupancic nach eigenen Angaben ab. Wenn ein Veranstalter Vorgaben machen wolle, fahre man nicht mit.

KI wird zum nächsten Umbruch

Mit Blick nach vorn hält der Verleger künstliche Intelligenz für den nächsten großen Einschnitt. Noch stecke vieles in den Kinderschuhen, doch die Entwicklung verlaufe schnell. KI könne künftig nicht nur Texte übernehmen, sondern auch Reiseplanung, Preisvergleich und Beratung verändern.

Gerade deshalb werde die Frage nach Daten und Glaubwürdigkeit wichtiger. Wer die Daten habe, liege vorne. Gleichzeitig bleibe oft unklar, wo Empfehlungen, Bewertungen und Reisevorschläge tatsächlich herkommen. Für den Reisejournalismus werde es deshalb darauf ankommen, die eigenen Stärken klar zu benennen – vor allem Erfahrung, Einordnung und Vertrauen.

Zupancic selbst denkt trotz 40 Jahren Verlagsgeschichte noch nicht an Abschied. Solange der Verlag wirtschaftlich trage und die Arbeit Spaß mache, wolle er weitermachen. Einen festen Endpunkt setze er sich nicht.

Christian Schmicke

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