19. Juli 2019 | 07:00 Uhr
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Wie klappt es mit dem Generationswechsel, Herr Kraus?

Seit dem Jahresbeginn verstärkt Janek Kraus, die Geschäftsführung des Aktivreisespezialisten Wikinger Reisen. Der 29-Jährige vertritt die dritte Generation bei dem vor 50 Jahren gegründeten Veranstalter. Reise vor9 sprach mit den beiden Firmenchefs über die Chancen und Herausforderungen des Generationswechsels.

Kraus Daniel Kraus Janek

Daniel und Janek Kraus

Vor seinem Eintritt in das von seinem Großvater Hans Georg Kraus gegründete Familienunternehmen arbeitete Janek Kraus, ein Neffe des geschäftsführenden Gesellschafters Daniel Kraus, im Investment-Banking und bei dem Berliner Start-up Get Your Guide. Bei Wikinger Reisen ist er für Marketing und IT verantwortlich. Firmenchef Daniel Kraus, der das Unternehmen seit 1996 führt, will noch bis 2025 in der Geschäftsführung aktiv sein und sich dann auf die Rolle des Beraters und Gesellschafters beschränken.

Herr Kraus, wie schwierig war der Wechsel von einem Start-up in der Metropole Berlin zum Familienbetrieb in der westfälischen Provinz?

Janek Kraus: Längst nicht so schwer, wie es Ihre Frage suggeriert. Wie viele Menschen an Rhein und Ruhr bin ich der Region, in der ich aufgewachsen bin, sehr verbunden. Und das Unternehmen kannte ich bereits von innen, seit ich mein erstes Praktikum hier absolviert habe. Natürlich sind die Strukturen in einem gewachsenen Unternehmen, das seit 50 Jahren im Markt agiert und im Gegensatz zu vielen Start-ups stets Gewinne erwirtschaftet hat, gefestigter als bei einem Newcomer. Aber auch hier habe ich eine sehr offene Firmenkultur mit flachen Hierarchien angetroffen.

Wie ist das, gemeinsam mit dem Onkel die Geschäfte zu führen?

Janek Kraus: Wir haben uns schon vorher gut verstanden, sonst wäre ich nicht hier eingestiegen. Und wir haben unsere Aufgaben klar voneinander abgegrenzt. Ich kümmere mich um Marketing, Vertrieb und IT, Produkt- und Personalthemen liegen bei Daniel. Ich bin sehr optimistisch, dass das funktioniert.

Sie haben Wikinger Reisen Ende der 90er Jahre von Ihrem Vater übernommen, Herr Kraus. Nun zeichnet sich für sie selbst ein Nachfolger aus der Familie ab. Ist die heutige Situation mit der damaligen vergleichbar?

Daniel Kraus: Ja und nein. Natürlich wollte auch mein Vater den Erfolg von Wikinger reisen als Familienunternehmen nachhaltig sichern. Aber mein Einstieg in das Unternehmen, nachdem ich zuvor eine Ausbildung zum Tourismuskaufmann absolviert und mehrere Reisebüros geführt hatte, war alles andere als einfach. Ich war der Berufssohn, wurde kritisch beäugt, regelmäßig kritisiert und musste bei langjährigen Mitarbeitern um Anerkennung ringen. In den ersten Jahren kam ich jeden Tag im Anzug und mit Krawatte ins Büro. Heute funktioniert das generationsübergreifende Miteinander viel weniger formell.  Deshalb hoffe ich, dass Janek es leichter haben wird. Aber natürlich bringt jede Epoche auch neue Herausforderungen mit sich.

Kraus Janek Kraus Daniel

Welches sind aktuell die größten?

Daniel Kraus: Wir waren in den vergangenen Jahren mit zweistelligem Umsatzwachstum sehr vom Erfolg verwöhnt. Nun geht es darum, den Wachstumskurs zu sichern, mittelfristig mit unseren Aktivreisen in der Gruppe und individuell mehr jüngere Leute zu erreichen und uns gleichzeitig als kundennahes, transparentes Unternehmen treu zu bleiben. Außerdem ist es eine bleibende Herausforderung, im Zuge des Wachstums ständig neue gute Mitarbeiter zu gewinnen. Gerade die junge Generation hat schon sehr konkrete Vorstellungen davon, was sie von ihrem Arbeitgeber erwartet.

Was sagen Sie als Vertreter dieser Generation dazu?

Janek Kraus: Dass meine und die nachfolgende Generation insgesamt anspruchsvoll ist, kann ich so unterschreiben. Das ist auch in Ordnung, wenn die Leistungsbereitschaft stimmt. Wir haben in den vergangenen Monaten gemeinsam daran gearbeitet, Wikinger Reisen als Arbeitgeber noch attraktiver zu machen. Jetzt gibt es flexible Arbeitszeiten und – allerdings schon seit geraumer Zeit – einen Fitness-Raum sowie ein eigenes Gebäude, in dem die Mitarbeiter gemeinsam kochen und essen können.

Welche Überraschungen haben Sie seit Ihrem Einstieg bei Wikinger Reisen erlebt?

Janek Kraus: Da stechen zwei Dinge hervor, allerdings auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Zum einen habe ich bei mehreren Reisen, die ich begleitet habe, um unsere Gäste und unser Produkt persönlich kennenzulernen, festgestellt, welchen hohen Stellenwert das Gruppenerlebnis bei unseren Kunden hat. Und zum anderen musste ich erkennen, dass im Alltag das Thema Personalführung viel mehr Arbeit macht, als ich es erwartet hätte. Gerade als junger Chef erfordert es eine intensive gedankliche Auseinandersetzung, um zu erkennen, wie sich das Team vom erfahrenen langjährigen Mitarbeiter bis zum Azubi motivieren lässt.

Daniel Kraus: (lacht) Da hast du Recht. Mir fällt das Unternehmertum immer leichter, je älter ich werde. Man wird zwar nicht besser, aber gelassener.

Was haben Sie sich für die nächste Zeit vorgenommen?

Janek Kraus: Im Bereich der IT konzentriere ich mich darauf, die richtige Infrastruktur zu schaffen, damit jeder verantwortliche Mitarbeiter schnell auf die Informationen zugreifen kann, die wir über unsere Kunden haben. Welche Reisen laufen bei Stammkunden besonders gut, welche ziehen besonders viele Neukunden an? Und wie hoch ist der Altersschnitt bei den verschiedenen Reisen? Diese Informationen haben wir alle, aber noch ist der Arbeitsaufwand, um sie herauszufiltern, zu groß. Und im Marketing gilt es, herauszufinden, was wir tun können, um mehr jüngere Kunden anzusprechen. Derzeit liegt der Altersschnitt auf unseren Reisen bei 54 Jahren. Dass er in den nächsten Jahren weiter steigen wird, ist angesichts der demografischen Entwicklung klar und an sich kein Problem. Aber ich bin sicher, dass wir gerade mit nachhaltigen Programmen und professionell vorgeplanten Individualreisen auch in meiner Generation große Chancen haben. Vielleicht wird daraus eine neue Produktlinie.

Das Gespräch führte Christian Schmicke

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