19. Juni 2026 | 16:10 Uhr
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Wie das Reisen wieder zum echten Erlebnis werden könnte

Im Reise vor9 Podcast spricht Reisejournalist Philipp Laage über sein Buch „Travel is Broken“. Seine These: Reisen gilt nicht mehr automatisch als gut, inspirierend und weltoffen. Klimafolgen, Overtourism, soziale Medien und ständige Vergleichbarkeit veränderten das Urlaubserlebnis. Laage kritisiert nicht die Branche, sondern fragt, wie Reisen wieder erfüllender werden kann.

Hängematte See Berge

Weniger kann auch mehr sein, meint Reisejournalist Philipp Laage

Der Titel ist bewusst zugespitzt. Menschen reisen weiter viel und gern, sagt Laage im Gespräch mit Reise vor9. Aber die alte Grundüberzeugung, Reisen mache die Welt besser, trage nicht mehr. Urlauber würden mancherorts nicht mehr als willkommener Gast wahrgenommen, sondern als Störfaktor.

Diese Kritik betrifft aus seiner Sicht längst nicht mehr nur ferne Ziele. Overtourism und Reibungen mit Einheimischen zeigten sich auch an der Ostsee, in Südtirol oder auf Mallorca. Reisen habe seine "Unschuld verloren", sagt Laage.

Das Handy macht die Fremde kleiner

Ein zentraler Bruch liegt für ihn in der Digitalisierung. Früher brachte räumliche Distanz auch mentalen Abstand. Heute konkurriert der Ort, an dem man sich gerade befindet, ständig mit der digitalen Welt in der Hosentasche.

Google Maps, Bewertungen und permanente Erreichbarkeit gäben zwar Sicherheit. Zugleich nähmen sie dem Reisen Zufall und Fremdheit. Laage beschreibt das als ambivalent: Die Technik helfe, mache Reisende aber auch vorsichtiger. "Die Fremde fühlt sich nur noch selten fremd an", sagt er.

Das Versprechen des Urlaubs, Abstand vom Alltag zu schaffen, werde dadurch unterlaufen. Bezeichnend findet Laage den Satz, mit dem viele heute einen gelungenen Urlaub beschreiben: Man habe kaum das Handy in der Hand gehabt.

Erlebnisdruck statt Zufall

Der Reisejournalist sieht zudem einen wachsenden Druck, aus jeder Reise das Beste herauszuholen. Wer nur wenige Tage in Rom oder Bangkok habe, wolle nicht falsch essen, falsch wohnen oder falsch abbiegen. Also werde ständig recherchiert, verglichen und abgesichert.

Damit sinkt nach Laages Einschätzung die Chance auf genau jene Erlebnisse, die lange in Erinnerung bleiben: ein zufällig entdecktes Lokal, ein herzlicher Gastgeber, eine gute Begegnung abseits der Liste. Die viel zitierte "Bucket List" verstärke diesen Mechanismus. Viele Erlebnisse würden heute in das Format eines buchbaren Ausflugs gepresst.

Auch soziale Medien veränderten die Wahrnehmung. Reisende sähen nicht nur eigene Bilder, sondern ständig die Reisen anderer. Diese Bilder seien oft aufwendig inszeniert. Daraus entstehe Vergleichsdruck und das Gefühl, noch nicht genug gesehen zu haben.

Sehnsucht nach weniger Programm

Laage will sein Buch nicht als klassische Tourismuskritik und auch nicht als Abrechnung mit der Branche verstanden wissen. Er wolle untersuchen, wie Reisen unter den Bedingungen der Gegenwart funktioniert und wie es für den Einzelnen erholsamer und erfüllender werden kann, sagt er.

Einen möglichen Gegentrend sieht er im Wunsch nach weniger Tempo. Nicht jede Reise müsse sieben Orte in zwei Wochen enthalten. Manchmal sei es besser, länger an einem Ort zu bleiben – oder gar nicht so weit wegzufahren. Der Vielreisende gesteht, dass ihm das schwerfällt. Er wolle sich in der zweiten Jahreshälfte eine Woche ins Grüne zurückziehen oder wandern gehen. Vielleicht, sagt er, packe ihn am Ende doch wieder die Sorge, etwas zu verpassen.

Christian Schmicke

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