9. Dezember 2019 | 07:00 Uhr
Teilen
Mailen

Was ist der größte Denkfehler bei Irland, Herr Ruebel?

Reisebüros denken bei Irland schnell an Klischees, sagt Christian Ruebel, Trade Marketing Manager Central Europe von Tourism Ireland: das angeblich schlechte Wetter und das fade Essen. Und der Brexit, glauben viele, habe doch irgendwie mit Irland zu tun. Viele Vorurteile, die Ruebel, gerne zurechtrücken würde.

Irland Dublin Sonnenuntergang

Sonnenuntergang über Dublin: In Irland regnet es zwar oft, aber, anders als viele Expis glauben, meist nur kurz

Was sind die größten Fehler von Reisebüros bei der Beratung über Irland?

Der größte Fehler ist, nicht über Irland zu beraten. Der zweitgrößte Fehler ist, zuerst an Klischees zu denken: In Irland regnet es nur und das Essen ist fade und schlecht. Wetter und Essen sind unterbewertet! Richtig ist, dass es öfter regnet, aber eben nicht viel. In Irland gibt es selten langanhaltend schlechtes Wetter wie in Deutschland, wo es mehrere Tage durchregnen kann.

Auf was muss man sich einstellen?

Das Wetter wechselt sehr schnell. Der Wind trägt die Wolken über den Atlantik und sie regnen über Irland ab, der ersten Landmasse, die im Weg steht. Genauso schnell wie sie kommen, ziehen sie weiter. Und nach einem Regenschauer sieht man erst die berühmten "40 Shades of Green", die 40 unterschiedlichen Grüntöne der Insel. Zudem haben wir in Irland ein mildes Klima ohne extreme Temperaturen, es liegt ja mitten im Golfstrom und es wachsen dort sogar Palmen! Was es nicht gibt, ist Wettersicherheit. Sonne und Regen wechseln sich schnell ab. Mein Kleidungstipp: Ziehen Sie sich im Zwiebelschalenprinzip an: außen wasserdicht, innen wetterfest.

Zwiebelschalen, das ist das Stichwort. Sie sagten, dass das Essen unterbewertet wird?

Das stimmt. Der Ruf der irischen Küche ist angelehnt an den der englischen Küche. Und durch die jahrhundertelange Kolonialisierung und damit verbundene Ausbeutung war die irische Küche karg. Seit dem wirtschaftlichen Aufschwung in den 1990er Jahren sind viele gute Köche auf die Insel gekommen, die hervorragend kochen. Sie nehmen die erstklassigen Produkte, die in Irland erzeugt werden, und zaubern daraus Spitzenmenüs.  

Und was empfehlen Sie im Kundengespräch am Counter?

Am besten fragt man die Kunden, was sie von Irland erwarten, welche Vorstellungen sie haben. Dann gilt es sie reden zu lassen und aufmerksam zuzuhören. Auf keinen Fall sollte man potenzielle Kunden überreden wollen. Das führt zu nichts. Zuhören, auf Wünsche und Bedenken eingehen und dann selbst entscheiden lassen. 

Müssen sich Reisende wegen des Brexit sorgen machen?

Nein, auf keinen Fall. Die Insel Irland ist vom Brexit nur zu einem Teil betroffen, der zum Vereinigten Königreich gehört: Nordirland. In der Republik Irland bleibt alles so wie bisher. Es gibt an der Grenze Ausweiskontrollen, weil Irland nicht im Schengenraum ist, aber keine Zollkontrollen. Und auf der Insel wird auch nach dem Brexit ein ausweis- und kontrollfreies Reisen möglich sein. Zwischen Irland und dem Vereinigten Königreich gibt es schon seit gefühlt ewigen Zeiten (also lange vor EU und sogar EWG) ein Abkommen, dass genau dies ermöglicht. Alles genauso wie bisher.

Und falls es zu einem harten Brexit kommt?

Im nach wie vor nicht komplett auszuschließenden Fall eines harten Brexit könnte es theoretisch wieder zu Grenzkontrollen kommen. Aber das ist wegen des oben erwähnten Abkommens äußerst unwahrscheinlich. Keine Seite will das und es gibt hunderte Grenzübergänge. Die Bevölkerung will auch den Konflikt in Nordirland nicht wieder aufleben lassen, der 1989 mit dem Karfreitagsabkommen beendet wurde. Alle Iren haben von dem Friedensprozess profitiert und das will niemand gefährden.   

Für welche Kunden ist Irland geeignet?

Geeignet ist Irland für Kunden, die sonst nach Kanada, Skandinavien, Island oder Schottland fahren, die passen immer. Es gibt ja oft Paare, bei denen einer nach Irland will und der andere nicht. Da können Expedienten helfen, indem sie die verschiedenen Interessen abfragen. Irland ist so vielfältig, oft lässt sich ein Kompromiss finden, dass beide zufrieden sind. Wichtig ist dabei aber immer, dass der Kunde nicht überredet wird! Das wird nichts. Wirkungsvoller ist es, die erarbeiteten Möglichkeiten vorzuschlagen und die Kunden in Ruhe selbst entscheiden zu lassen. Neukunden für Irland sind, wenn man Sie offen informiert, nach der Reise meist begeistert – ‚War viel schöner als erwartet‘, ‚Wetter beileibe nicht schlecht‘, ‚Essen toll, und die Iren erst …!‘ Das ist eine große Chance für Reisebüros.

Wen sollten Reisebüros besser nicht nach Irland schicken?

Für Sun-and-Fun-Publikum, die am Strand in der Sonne liegen möchten und abends Party machen, ist Irland weniger geeignet. Generell gilt, Reisende, die eine ‚Wettergarantie‘ brauchen, wären leicht enttäuscht.

Mehr über die grüne Insel erfahren Sie mit unserer Themenwoche Irland auf Counter vor9: News, Hintergrund und Tipps für die Beratung im Reisebüro.

Anzeige