11. November 2022 | 07:00 Uhr
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Auf den Spuren von 250.000 Jahren Geschichte

Die Kultur Jerseys ist stark von unterschiedlichen Einwanderern, Völkern und auch Besatzern geprägt, deren Bauten und Hinterlassenschaften aus mehr als 250.000 Jahren Besiedelungsgeschichte auf der Insel noch vielfach besichtigt werden können. Die für die Jerseyaner prägenste Phase aber liegt nur wenige Jahrzehnte zurück.

Jersey Strongpoint Corbiere Bunker iStock Try Media

Die Deutschen haben viele Bunker auf Jersey hinterlassen, die teilweise besichtigt werden können

Vor dem Anstieg des Meeresspiegels war Jersey Teil des europäischen Kontinents. Erst seit etwa 6.000 Jahren ist Jersey eine Insel. Somit reicht die Besiedelung sehr lange zurück, Historiker und Archäologen schätzen eine Zeit von rund 250.000 Jahren. Auch Neandertaler kamen, siedelten unter anderem in den Höhlen "La Cotte de St. Brelade" im Südwesten Jerseys und hinterließen Artefakte, die dort stellenweise auch heute noch sichtbar sind.

Stelldichein von Wikingern, Römern und Normannen

Weitere Hinterlassenschaften dieser Frühphase der Menschheit sind Dolmen und Menhire, die an vielen Stellen der Insel besichtigt werden können. Auch die Megalith-Anlage von "La Hogue Bie" nordöstlich von St. Helier bezeugt beeindruckend diese Epoche. Relikte der wechselhaften Vergangenheit des Eilands – neben den Steinzeitmenschen siedelten Kelten und Wikinger auf Jersey, die Römer trieben mit den Insulanern Handel, Franken und Normannen bauten Burgen und übten ihren Einfluss aus – sind sehr umfangreich im Jersey Museum & Art Gallery in St. Helier zu sehen. Wer eher bewegte Bilder schätzt, wird hier mit dem preisgekrönten Kurzfilm "The Story of Jersey" auf seine Kosten kommen.

Trotz dieser bunten, bewegten und stellenweise bitteren Vergangenheit gilt aber eine relativ kurze Epoche Mitte des 20. Jahrhunderts als das größte kulturelle Thema Jerseys: Die Besetzung der Insel durch Truppen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Nur fünf Jahre dauerte sie an, von Juli 1940 bis zur Kapitulation im Mai 1945 – aber prägte die Kanalinsel so stark wie kaum eine andere Epoche zuvor.

Deutsche bauten Jersey zur Festung aus

Dabei folgte die Besatzung tatsächlich einem Missverständnis: Die britische Regierung ordnete Mitte Juni 1940 die Entmilitarisierung der Kanalinseln an, damit sie von deutschen Luftangriffen verschont bliebe. Die deutsche Luftwaffe deutete aber bei Aufklärungsflügen über Jersey einige Bauernkarren als Militärfahrzeuge und bombardierte die Insel, die wenige Tage später kapitulierte und im Anschluss besetzt wurde.

Der Plan der Heeresleitung: Jersey zu einer uneinnehmbaren Festung auszubauen. Mit Einsatz von Kriegsgefangenen wurden Bunkeranlagen, Abwehrstellungen und kilometerlange Tunnelsysteme errichtet, die Insel wurde Teil des Atlantikwalls. Mehrere dieser Tunnel können heute noch besichtigt werden, vor allem die Jersey War Tunnels in Malorey, vier Kilometer nördlich von St. Helier. Besucher erfahren hier nicht nur, dass die Tunnel zeitweise als Lazarett genutzt wurde und wie sich das Kriegsgeschehen auf der Insel darstellte, sondern auch, welche Entbehrungen die Insulaner erleiden mussten.

Auch einige urige Anekdoten werden überliefert. So war Jersey in dieser Zeit dem kontinentalen Europa so nah wie selten zuvor, denn die Deutschen installierten auf den Straßen den Rechtsverkehr, da die Insulaner ihrer Meinung nach alle auf der falschen Seite fuhren. Zudem galt während der Besatzung auf der Insel die mitteleuropäische Zeit, weswegen die Sonne hier eine Stunde später unterging als im Rest der britischen Inseln. Ein Spuk, der nach Kriegsende schnell von den Einheimischen wieder umgekehrt wurde.

Militärmuseum führt in die Zeit der Besatzung

Diese und viele weitere Geschichten werden eindringlich in den Weltkriegs-Ausstellungen und Befestigungsanlagen überall auf der Insel transportiert, gerne auch mit einem Augenzwinkern, aber immer mit seriöser historischer Betrachtung. Spektakulär gestaltet wurde auch eine alte Bunkeranlage nahe dem Strand von St. Ouen, die heute als The Channel Island Military Museum eindrucksvoll über geführte Touren das Leben der Jerseyaner aus der Besatzungszeit vor Augen führt.

Eng verbunden mit der Zeit der Besatzung sind auch einige Feierlichkeiten auf der Insel. Während der dunklen Zeit war Ausgelassenheit verboten – ein Grund mehr für die Insulaner, auch heute noch den Tag der Befreiung, den Liberation Day, alljährlich am 9. Mai mit Feiern, Feuerwerk und Festumzügen zu zelebrieren.

Sven Schneider

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