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Saigon zwischen Rooftop-Bars und Vietcong-Bunkern

Gut 50 Jahre nach Kriegsende in Vietnam hat sich Ho-Chi-Minh-Stadt, vormals Saigon, neu erfunden: Neonfassaden wie am Times Square, Rooftop-Bars, junge Leute, die am Fluss feiern. Wer die Stadt verstehen will, steigt am besten auf den Soziussitz einer Vespa – oder klettert hinab in eines der versteckten Waffenlager des Vietcong. Unterwegs mit Gebeco-Guide Tan, der in Bremerhaven gelebt hat.

Maske auf, der Helm sitzt, dann auf den Soziussitz und nicht wackeln. Ein schneller Kick mit dem Fuß, und der Motor knattert. Fahrer Mike steigt auf und reiht sich ein ins Gewusel. Sieben Millionen Mopeds gibt es in Saigon. „Wir sind auf dem Moped geboren“, scherzt Gebeco-Guide Tan in einwandfreiem Deutsch. Er hat zwölf Jahre in Bremerhaven gelebt und dort Hotelkaufmann gelernt. Heute zeigt er den Gästen des Kieler Veranstalters seine Heimatstadt.

Wer hat hier Vorfahrt? Falsche Frage, das weiß niemand, auch Tan zuckt mit den Schultern. Die Regel lautet: nicht anhalten, nach vorne schauen, achtsam fahren und sich einordnen. Dann passiert auch nichts. Und das funktioniert erstaunlich gut. Hunderte Mopeds schieben sich an roten Ampeln zwischen den Autos hindurch und postieren sich über die volle Breite der Straße wie beim Start eines Rennens. Bei Grün setzt sich ein Schwarm aus Zweirädern gleichzeitig in Bewegung. Fahrräder sieht man kaum, Rikschas hat Saigon schon vor Jahren aus dem Straßenbild verbannt.

Saigon Mopeds am Zebrastreifen Thomas Hartung
In Ho-Chi-Minh-Stadt gibt es sieben Millionen Mopeds© Thomas Hartung

Sundowner im 14. Stock mit Panoramablick

Selbst zu fahren ist in der vietnamesischen Metropole für Touristen allerdings keine gute Idee. Das muss auch niemand. Gebeco hat für seine Reisegäste das Abenteuer Stadtrundfahrt auf Oldtimer-Vespas organisiert. Im Konvoi geht es vier Stunden lang durch Saigon – mit fünf Stopps unterwegs. Die Tour beginnt im Zion Rooftop Club im 14. Stock eines Hochhauses. Bei einem Sundowner genießt man die bunte Skyline von Ho-Chi-Minh-Stadt mit ihren 14 Millionen Einwohnern.

Die Vietnamesen lieben bunte Lichter. Die Fassaden der Wolkenkratzer leuchten und blinken in grellen Farben. Auch die Brücken und der Saigon-Fluss sind reichlich illuminiert, mitunter erinnert das Panorama an den Times Square in New York. Junge Leute feiern unbeschwert und genießen nach Feierabend ihre Drinks am Ufer. Der DJ spielt Pop und Hip-Hop.

Saigon Skyline bei Nacht Thomas Hartung
Die Skyline von Saigon leuchtet in der Nacht grellbunt© Thomas Hartung

Weiter geht es auf der Vespa durch die Rushhour. Streetfood steht auf dem Programm, Fisch, Froschschenkel, aber auch Vegetarisches wird gereicht. Dann heißt es wieder: Aufsitzen und ein Dutzend Vespas geben Gas. Der Fahrtwind ist angenehm bei 28 Grad. Zum Nachtisch gibt’s beim nächsten Halt vietnamesische Pfannkuchen.

Nächster Halt ein Kulturzentrum mit Bühne für Musiker, die ihr Talent vor Publikum ausprobieren wollen. Eine junge Frau übt sich am Klavier in Jazz, eine andere singt traditionelle vietnamesische Lieder. Dann versucht sich ein Mann im glitzernden Outfit als Elvis. Abwechslungsreich und sehr unterhaltsam, denn jeden Abend stehen neue Künstler auf der Bühne. Richtig laut wird es am letzten Stopp in einem Club Live-Band: Classic Rock zum Mitsingen und Tanzen.

Saigon Vietcong Waffenlager Thomas Hartung
Gewehre und Panzerfäuste versteckte der Vietcong in Verstecken, die heute als Museen die Erinnerung an den Krieg aufrechterhalten© Thomas Hartung

Waffenlager unter den Fliesen

Saigon überrascht. Eine Stadt im Aufbruch. Modern, sauber, selbstbewusst, westlich geprägt. Eine junge, weltoffene Gesellschaft, die das Leben genießt und fleißig am eigenen Wohlstand arbeitet. Das geht offenbar auch unter kommunistischer Führung. An die Tragödie des Vietnamkriegs erinnert im Stadtbild kaum noch etwas. Die meisten Vietnamesen sind erst nach Kriegsende geboren, und das liegt inzwischen mehr als 50 Jahre zurück. Für Touristen sind die ehemaligen Verstecke des Vietcong dennoch ein Muss – schon allein, um zu verstehen, wie das Land die Amerikaner besiegen konnte.

An dem kleinen Haus in der engen Gasse läuft man schnell vorbei. Nur ein Schild des Kulturministeriums erinnert daran, dass es eines von Hunderten Waffenverstecken war. Gebeco-Guide Tan räumt im Hausflur sechs Fliesen zur Seite und legt damit eine schmale Leiter nach unten frei. Sie führt in einen fensterlosen Raum. Hinunterzuklettern ist nichts für Menschen mit Platzangst. Handgranaten, Panzerfäuste, Gewehre: Ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Vietnamkriegs halten die Bunker mit ihrem Waffenarsenal die Erinnerung an den Kampf wach.

Gefragte Alternative zu Thailand

Vietnam erlebt derzeit einen Tourismusboom. In den ersten neun Monaten des Jahres kamen fast 18 Millionen Gäste in das südostasiatische Land. Das stärkste Wachstum verzeichnete Europa mit einem Plus von 55 Prozent. Das Tourismusministerium peilt für dieses Jahr 25 Millionen Besucher an. Damit rückt Vietnam immer näher an Thailand heran, das bei rund 33 Millionen liegt.

Vietnam ist bei vielen Veranstaltern im Programm. Vietnam Airlines fliegt nonstop von Frankfurt und München. Für Gebeco ist das Land ein wichtiges Ziel und Saigon ein Ankerpunkt in Südostasien. Rund 30 Reisen führen meist mehrere Tage durch die Metropole, kombiniert mit anderen Landesteilen sowie mit Kambodscha und Laos. Im Vordergrund steht dabei, Fremdes kennenzulernen und in andere Kulturen einzutauchen.

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Mit einem Spaziergang durch das alte Saigon liefert Gebeco authentische Einblicke in den Alltag der Vietnamesen© Thomas Hartung

Wünsche gegen Spende

Ho-Chi-Minh-Stadt ist eine Stadt der Kontraste. Nicht alle Bewohner leben in schicken Apartments hoch über dem Fluss. Es gibt auch noch das alte Saigon mit dem Blumenmarkt und Wohnblocks, die wenig Komfort und Privatsphäre bieten. Ein Wohnzimmer, in das jeder hineinschauen kann, Geländer im Freien, die als Kleiderschrank dienen, Schuhe im Hausflur. Gebeco zeigt seinen Gästen auch diesen Teil Saigons: fremde Kulturen hautnah erleben, zurückhaltend und keineswegs aufdringlich. Die Bewohner des Hauses grüßen die kleine Gruppe freundlich und widmen sich dann wieder dem Fernseher oder ihrem Alltag.

Zwischen Wohnhäusern und Geschäften finden sich kleine Tempel. Einer davon ist der Göttin der Meere geweiht. Unter den Besuchern sind viele junge Menschen. Sie spenden und zünden Räucherstäbchen an. Je größer die Wünsche, desto mehr wird an der Kasse bezahlt. An der Wand hängen Hunderte Spendenzettel mit Wünschen. Von der Decke baumeln bunte Räucherspiralen, die eine größere Spende erfordern. Eine Woche bleiben sie hängen, dann wird Platz gemacht für neue Wünsche.

Saigon-Blumenverkäufer Thomas Hartung
Ein Blumenverkäufer in Saigon begutachtet seine Ware© Thomas Hartung

Feilschen gehört zum guten Ton

Der ehemalige Präsidentenpalast fehlt in keiner Stadtrundfahrt durch Saigon. Vor dem Gebäude sind ausgemusterte Panzer postiert, auf dem Dach steht ein alter Hubschrauber. Touristenströme schieben sich durch die 99 Zimmer des Palasts. Alte Fotos erinnern an die Besuche der US-Präsidenten Richard Nixon und Bill Clinton.

Weiter geht es zum Ben-Thanh-Markt mitten im Zentrum. In der weitläufigen Halle wird schon seit über 100 Jahren gefeilscht. Der Markt ist ein Magnet für Einheimische wie Touristen. Hier gibt’s so ziemlich alles: iPhones, Koffer, T-Shirts, Schmuck, Nüsse, Käse, Fleisch und Fisch. Wer gerne stöbert, sollte ein paar Stunden einplanen und eine große Tasche mitnehmen. An den staatlichen Ständen gelten Festpreise, ansonsten gehört Handeln zum guten Ton. „Niemand bezahlt mehr als die Hälfte des aufgerufenen Preises“, sagt Reiseführer Tan und entlässt die Gruppe ins Gewimmel.

Thomas Hartung