Wirtschaftlicher Druck und geopolitische Krisen hätten Nachhaltigkeit zuletzt in den Hintergrund gedrängt, sagt Zeiss. Häufig werde sie als Kostenfaktor oder „Nice-to-have“ betrachtet. Für die Touristik sei das gefährlich: Hitze, Trockenheit, Waldbrände und Hochwasser wirkten sich bereits auf Angebote und Planungssicherheit aus. In Unternehmen liefen Nachhaltigkeitsprogramme deshalb weiter, Angebote würden angepasst.
Ein aktuelles Thema ist die europäische Vorgabe Empowering Consumers, kurz Empco. Nach Zeiss' Darstellung dürfen künftig Nachhaltigkeitsaussagen nicht mehr pauschal verwendet werden, sondern müssen belegbar und überprüfbar sein. Aussagen wie "klimafreundlich" könnten damit problematisch werden, konkrete Angaben wie die Anreise mit der Bahn dagegen möglich bleiben. Größere Unternehmen arbeiteten bereits seit Wochen oder Monaten an Katalogen, Webseiten und Datenbeständen. Bei kleineren Veranstaltern sieht der Experte Nachholbedarf.
Nachhaltigkeit muss für Gäste konkret werden
Zwischen dem erklärten Anspruch der Reisenden und dem tatsächlichen Buchungsverhalten klafft nach Auffassung von Zeiss weiterhin eine große Lücke. Er verweist auf Erhebungen, nach denen etwa 50 bis 60 Prozent ökologische oder soziale Verträglichkeit wichtig finden, Nachhaltigkeit rückblickend aber nur bei rund drei bis fünf Prozent ein ausschlaggebendes Buchungskriterium war.
Seine Schlussfolgerung: Nachhaltigkeit müsse stärker mit einem konkreten Nutzen verbunden werden. Regionaler Honig beim Frühstück oder nachvollziehbare Veränderungen im Hotel seien greifbarer als abstrakte Versprechen. „Nachhaltigkeit ist kein Verzicht, aber es ist eine Veränderung“, sagt Zeiss. Weniger häufige Zimmerreinigung oder Wäschewechsel müssten aus seiner Sicht keine Minderleistung bedeuten.
Klimaanpassung wird zur betrieblichen Aufgabe
Neben der Reduktion von Emissionen müsse sich die Branche stärker auf unvermeidbare Folgen des Klimawandels einstellen. Flusskreuzfahrten benötigten flexiblere Routen und Schiffsplanung, Wintersportorte müssten mit unbeständigeren Schneeverhältnissen rechnen. Gerade diese Unvorhersehbarkeit werde zur Herausforderung: Gäste könnten kurzfristiger buchen, Betriebe müssten zwischen hoher Auslastung, schwacher Nachfrage und wetterbedingten Ausfällen wechseln.
Overtourism ist für Zeiss eine Managementfrage
Überfüllte Destinationen hält Zeiss nicht für ein unabwendbares Mengenproblem. Städte und Urlaubsregionen könnten Besucherströme, Slots und Gebühren steuern und Einnahmen so einsetzen, dass auch die Bevölkerung profitiert. Entscheidend sei, frühzeitig zu handeln und Belastungsspitzen zu reduzieren. Einzelne Akteure wie Veranstalter, Ferienvermieter oder Billigflieger allein für Overtourism verantwortlich zu machen, greife zu kurz.
Beim sogenannten regenerativen Tourismus, der Destinationen durch zusätzliche Gäste sogar verbessern soll, ist der Hochschullehrer dagegen zurückhaltender. Den Ansatz findet er interessant, ein durchgängig funktionierendes Modell habe er bislang aber noch nicht gesehen.
Christian Schmicke
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