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Wie Schauinsland Reisen den Wandel an der Spitze gestaltet

Zeitenwende bei Schauinsland-Reisen: Beim Duisburger Veranstalter wird der künftige CEO Sascha Leutner (rechts) derzeit auf die Übernahme der operativen Gesamtverantwortung vorbereitet. Zur Halbzeit der halbjährigen Einarbeitung gewähren er und Firmeninhaber Gerald Kassner (Mitte) im Gespräch mit Reise vor9-Chefredakteur Pascal Brückmann (links) exklusive Einblicke in den Stand der Übergabe.

Drei Monate ist Sascha Leutner jetzt in der Firmenzentrale unweit des Duisburger Innenhafens im Dienst. Drei Monate, in denen er jedes Team des Unternehmens besucht, sich in zahlreiche Prozesse eingearbeitet und die ersten wichtigen Partner des drittgrößten Reiseveranstalters kennengelernt hat. Und sich immer wieder mit Gerald Kassner abgestimmt und die gewonnenen Erkenntnisse abgeglichen hat. Leutner wirkt konzentriert, zeigt Neugier an den neuen Themen und stellt immer wieder Fragen, gewiss auch kritische.

Die Atmosphäre zwischen Firmenchef Gerald Kassner und ihm erscheint professionell, dennoch locker und zunehmend vertraut. Beide Männer eint der Wille und der Anspruch, Schauinsland Reisen auf hohem Niveau weiter erfolgreich in die Zukunft zu führen. Aber in einer künftig anderen Rollenverteilung.

Stichtag ist der 1. Januar 2027, dann übernimmt der frühere COO der Aldi Nord Group offiziell die operative Gesamtverantwortung. Gerald Kassner wird das Unternehmen dann in seiner neuen Funktion als Beirat begleiten und der Geschäftsführung mit seiner Erfahrung beratend zur Seite stehen. Kassner hatte sich für diesen Weg entschieden, als klar war, dass sein Sohn Steffen ihm doch nicht als CEO nachfolgen würde.

Permanenter Austausch zwischen Kassner und Leutner auch künftig geplant

Einen starren Rhythmus formeller Sitzungen zwischen ihm als Beirat und dem angestellten CEO soll es dabei nicht geben, stattdessen einen permanenten Austausch, kündigt der Schauinsland-Eigentümer an. "Wichtig ist, dass Verantwortlichkeiten klar geregelt sind und jeder seine Rolle kennt. Genau dafür haben wir die Voraussetzungen geschaffen", sagt Kassner.

Doch warum fiel die Wahl auf einen Branchenfremden? Das touristische Know-how sei intern im Unternehmen ausreichend stark verankert, begründet Kassner die Entscheidung. Für die strategische Weiterentwicklung sei es jetzt klug und vielleicht auch notwendig, sich zusätzliche Kompetenzen von außen für Schauinsland ins Haus zu holen. Man habe sich auch innerhalb der Touristik umgesehen und dort ebenfalls gute Gespräche geführt. Sein Sohn habe den Prozess intensiv begleitet und die Entscheidung für einen externen Kandidaten gleichermaßen befürwortet. "Langfristig gesehen ist das der richtige Move", sagt Kassner.

Für den ehemaligen Aldi-Topmanager Leutner ist Schauinsland bereits der sechste Arbeitgeber und nicht der erste Branchenwechsel. Ganz fremd sei ihm das touristische Umfeld nicht: In seiner Beratungszeit habe er vier Jahre für die Deutsche Lufthansa gearbeitet, unter anderem an der Weiterentwicklung des Miles-&-More-Programms und der Optimierung des mobilen Check-ins. Ein Vierteljahr war er dafür bei der Airline in Frankfurt in-house tätig. "Aber ich würde jetzt nicht behaupten, dass ich Touristikexperte bin, da gibt es noch viel zu lernen", räumt er ein.

Mögliche Wachstumsfelder werden ergebnisoffen geprüft

Dass er in ein kerngesundes Unternehmen kommt, empfindet Leutner nicht als Bürde, sondern als komfortable Ausgangslage. „Es ist erstmal eine gute Situation, aus einer Position der Stärke zu agieren, als direkt mit dem Rücken zur Wand zu stehen", sagt er. Potenzial sieht er in einer verbesserten cross-funktionalen Zusammenarbeit innerhalb des Unternehmens und der Ausarbeitung und Umsetzung einer langfristigen Gesamtstrategie.

Schauinsland sei durch unternehmerisches Geschick gewachsen, brauche aber nun einen übergeordneten Plan, dem die gesamte Organisation folgen könne. „Im Rahmen der langfristigen Strategieentwicklung werden wir daher mögliche Wachstumsfelder ergebnisoffen prüfen. Dazu könnten perspektivisch auch internationale Marktpotenziale gehören", wagt Leutner einen ersten Blick in die Zukunft.

Unterstützung erhält er von Detlef Schroer, der wie gehabt als Geschäftsführer für Vertrieb und Marketing verantwortlich ist. Und von Markus Förster, der als Geschäftsführer für Flug- und Hoteleinkauf an Bord bleibt. Leutner selbst wird neben seiner Rolle als CEO auch für einzelne Ressorts Verantwortung übernehmen, schon heute sind ihm die Bereiche Personal, IT, ESG und Asset Management zugeteilt.

Die Komplexität des touristischen Vertriebs bereitet Leutner keine Sorgen

Einen eher nüchternen Blick wirft der Manager auf die fragmentierte Vertriebsstruktur der Branche, mit der er nun konfrontiert ist. Aus seiner Zeit im Lebensmitteleinzelhandel kenne er die verschiedensten Vertriebskonstrukte, von selbstständigen Partnerkaufleuten bis hin zu zentral gesteuerten Filialen und parallelen Omnichannel-Modellen. Insofern sei ihm die Komplexität des touristischen Vertriebs nicht wirklich fremd, erklärt er im Gespräch.

Nicht wirklich nachvollziehbar sind für ihn die aus seiner Sicht überholten Diskussionen zwischen Online und Offline. "Wenn ich heute ein Geschäftsmodell entwickeln würde, dann würde ich immer beim Kunden anfangen zu überlegen, was der eigentlich braucht. Und dann spielt die Frage des Kanals erstmal eine untergeordnete Rolle", konstatiert er. Er glaube fest daran, dass es beides brauche. Reisebüros hätten auch künftig eine Berechtigung, gerade bei beratungsintensiven Produkten wie den Bausteinreisen von Explorer. Gleichzeitig brauche es einen starken Online-Vertrieb und leistungsfähige digitale Vertriebspartner. Entscheidend sei nicht der Kanal, sondern das Kundenbedürfnis.

Die 65 eigenen Reisebüros der Gruppe betrachtet Leutner für sich und das Unternehmen als wertvolles Innovationsfeld. Dort ließen sich neue Konzepte und Lösungen für den Vertrieb entwickeln und erproben, ohne externe Partner erst überzeugen zu müssen. Im nächsten Schritt könnten erfolgreiche Ansätze dann über die Alpha-Kooperation auf eine deutlich größere Zahl von Reisebüros ausgerollt werden.

Emotionalen Wehmut schiebt Gerald Kassner zur Seite

Nur noch drei Monate. Dann wird die Zeitenwende in Duisburg vollzogen. Gerald Kassner gewährt zum Ende des Gesprächs einen Einblick in sein Innenleben. "Für mich wird es sich sicherlich anders anfühlen. Das beschäftigt einen natürlich auch ein bisschen", räumt er ein. Die Firma, sie ist nicht nur sein Lebenswerk, sondern auch sein Leben. Doch emotionalen Wehmut schiebt er zur Seite: "Ich liebe Veränderungen. Für die Firma liebe ich Veränderungen. Diesmal betrifft mich diese stärker. Das muss man auch zulassen."

Pascal Brückmann