25. Januar 2023 | 14:12 Uhr
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Ist Greenwashing bei der CO2-Kompensation die Regel?

Eine Recherche der Zeit, des Guardian und der investigativen Plattform Source Material legt nahe, dass viele CO2-Zertifikate, die unter Aufsicht des weltweit führenden Zertifizierers Verra verkauft wurden, deutlich weniger Kohlendioxid einsparen als angegeben. Dabei geht es vor allem um Waldschutzprojekte.

CO2 Kompensation

CO2-Kompensation durch Waldschutz steht in der Kritik

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Laut der Recherche beaufsichtigt die in New York ansässige Nichtregierungsorganisation Verra 75 Pro­zent al­ler Emis­sio­nen auf dem frei­wil­li­gen – al­so nicht staat­li­chen – Kom­pen­sa­ti­ons­markt. Die Zertifikate werden von zahlreichen Konzernen gekauft, um ihren CO2-Ausstoß zu kompensieren, darunter etwa Flugzeugbauer Boeing, Airlines wie Delta und Air France und der Disney-Konzern.

An dem Handel mit CO2-Zertifikaten sind vier Par­tei­en be­tei­ligt: Käu­fer, Händ­ler, Pro­jekt­be­trei­ber und ein Zertifizierer, der festlegt, wie vie­le Zer­ti­fi­ka­te sich die Pro­jek­te an­rech­nen dür­fen. In der Kritik der Zeit-Recherche stehen vor allem Waldschutzprojekte, die da­für sor­gen sollen, dass CO2 ein­ge­spart wird, indem zum Bei­spiel ein Stück Re­gen­wald nicht wie ge­plant ab­ge­holzt wird. Die Pro­jekt­be­trei­ber ver­spre­chen dabei, dass be­stehen­de Wäl­der ste­hen blei­ben.

"Über Jahre die Kompensation überbewertet"

Nach den ge­mein­sa­men Re­cher­chen der drei Publikationen wur­den "über Jah­re of­fen­bar Mil­lio­nen CO2-Zer­ti­fi­ka­te ver­kauft, die es nicht hät­te ge­ben dür­fen". Zahl­rei­che Wald­schutz­pro­jek­te hätten ih­re Kom­pen­sa­ti­on um ein Viel­fa­ches über­be­wer­tet, weil die Re­geln des wich­tigs­ten Zer­ti­fi­zie­rers auf dem Markt das zu­ließen und die Auf­sicht ver­sage. 89 Mil­lio­nen Ton­nen CO2 seien als "Geis­ter-Zer­ti­fi­ka­te" auf dem Kom­pen­sa­ti­ons­markt ge­lan­det, das ent­spreche dem jähr­li­chen Aus­stoß von Grie­chen­land und der Schweiz zu­sam­men, schreibt die Zeit.

Zahlreiche Pro­jek­te hät­ten ent­we­der an­ge­ge­ben, we­sent­lich mehr CO2 ein­zu­spa­ren, als es für das be­tref­fen­de Wald­ge­biet rea­lis­tisch erscheine oder sie hät­ten un­ter­schla­gen, dass Tei­le des Wald­ge­biets gar nicht ver­schont, son­dern zer­stört wor­den seien, heißt es unter Berufung auf einen Wissenschaftler, der selbst für einen Händler gearbeitet hat, der Zertifikate aus fragwürdigen Projekten verkaufte.

"Kulanteste Kreditkarte der Welt"

Da­mit Klimaschutz durch Waldschutz funk­tio­niert, müs­sen die Wäl­der vie­le Jahr­zehn­te in­takt blei­ben. Das berge Risiken, wissen die Autoren der Recherche. So könnten etwa Bäu­me ab­ge­holzt, von Stür­men oder Brän­den zer­stört wer­den. Dann ent­weiche der Koh­len­stoff zu­rück in die At­mo­sphä­re. Das US-In­ves­ti­ga­tiv­me­di­um Pro­ Pu­bli­ca soll das Ge­schäft ein­mal als "ku­lan­tes­te Kre­dit­kar­te der Welt" bezeichnet haben. Der Käu­fer er­hal­te den ge­sam­ten Nut­zen im Vor­aus, wäh­rend es ein Jahr­hun­dert daue­re, bis die Schul­den voll­stän­dig zu­rück­ge­zahlt sei­en.

Ein Problem der Waldschutzzertifikate liegt in ihrer Systematik. Denn je­des Wald­schutz­pro­jekt be­ruht zwangsläufig auf ei­ner Spe­ku­la­ti­on über die Zu­kunft: Wie viel Wald würde künftig abgeholzt, wenn er nicht zum Verkauf von Zertifikaten unter Schutz gestellt würde?  Daher bergen die Projekte laut der Recherche ei­nen "na­tür­li­chen An­reiz, falsch zu spe­ku­lie­ren". Denn je mehr Ab­hol­zung ein Pro­jekt­be­trei­ber in sei­nem Wald er­war­tet, des­to mehr Zer­ti­fi­ka­te kann er pro­du­zie­ren. Je düs­te­rer sei­ne Pro­gno­se, des­to mehr Geld kann er al­so ver­die­nen.

Vereinte Nationen arbeiten nicht mit  Waldschutzprojekten

Unter anderem deshalb haben die Vereinten Nationen schon im Kyo­to-Pro­to­koll von 1997 beschlossen, den Schutz von Wäl­dern nicht in ihr staat­li­ches Kom­pen­sa­ti­ons­pro­gramm auf­zu­neh­men. Auch ein wei­te­res Pro­gramm na­mens "Gold Stan­dard", das meh­re­re NGOs wie der Word Wildlife Fund 2003 auf den Markt brach­ten, schloss sol­che Pro­jek­te ka­te­go­risch aus. Deren Projekte kon­zen­trier­ten sich auf So­lar­an­la­gen und auf Baum­pflan­zun­gen, aber nicht auf den Schutz be­stehen­der Wäl­der.

Bestätigen sich die Vorwürfe der Autoren, dann dürfte in den Handel mit Zertifikaten zur CO2-Kompensation neue Bewegung kommen. Auch die Touristik kann das Thema nicht kalt lassen, sofern der Handel vom Zertifizierer Verra beaufsichtigt wird und das umgesetzte Geld in Waldschutzprojekte fließt. Dem Vorwurf des Greenwashings bietet die Affäre jedenfalls neue Nahrung.

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